Weiter, immer weiter!
Bei sternenklarem Himmel und machten die Wanderer im Engadin die Nacht zum Tag - Traumhafte Verhältnisse, begeisterte Teilnehmer und perfekte Verpflegung auf 63km und knapp 3000 Höhenmetern.
Die
Wandergruppe kraxelte Meter um Meter mit einer vorbildhaften Motivation über
Stock und Stein, mühte sich durch Schneefelder und sprang wagemutig über
rauschende Bäche. Brannte doch die Mittagssonne gerade auf der Passebene auf
die Köpfe der Teilnehmer und zerrte an der Kondition, so waren die Strapazen
beim Anblick der Bernina-Gletschergruppe, die sich eindrücklich präsentierte,
schon gleich wieder vergessen. Immer wieder kehrte die Gruppe in Berggasthöfen
ein, um sich mit regionalen Spezialitäten zu stärken, den Füssen eine Pause zu
gönnen oder Eindrücke und Erlebnisse in die vom Organisationsteam erstellte
Wanderfibel einzutragen. Mit persönlichen Tiefpunkten hatte jeder Teilnehmer mehr
oder weniger stark zu kämpfen. Plagten den einen schmerzende Blasen an Fuss und
Hand, waren es bei anderen Krämpfe in Waden und Oberschenkeln. Einige waren
jedoch über ihre Leistungsfähigkeit und Durchhaltekraft sehr überrascht. Die
aus Winterthur angereiste Nina Glauser wollte im Hinblick auf ihren ersten
Marathon in London ihre eigenen Grenzen testen, musste aber feststellen, dass
sie diese bei der Wanderung nicht erreichte! Die 24 Stunden verliefen für die
optimal und kleinere Schwächen wusste sie mit einem Schokoladen –
Koffeinkick zu überwinden.
Mit dem
letzten Licht des Tages lag eine geballte Ladung Anspannung in der Luft. Die
Teilnehmer bereiteten sich beim Stop in Silvaplana akribisch auf die folgenden
Nachtetappe vor. Zur Sicherheit wurden doch nochmals die Batterien der
Stirnlampen ausgewechselt und ein neues Paket im Hosensack verstaut. Aber nicht
nur das Equipment wurde einer sorgfältigen Überprüfung unterzogen, sondern auch
kleine Blasen und geschwollene Füsse mit Salben und Pflastern versorgt.
Höchst konzentriert durch die Nacht
Auf den
ersten Meter im dunklen Wald plauderte die Gruppe noch im gewohnten Tonfall
bunt durcheinander, bis sie sich in eine homogene Einheit verwandelte, die
stillschweigend im Rhythmus und mit Bedacht auf jeden Schritt durch die Nacht
zog. Man war umsichtig, Vorder- und Hinterläufer stets im Stirnlampenlicht zu
haben, um sicher zu sein, dass keiner verloren geht. Ein sensationeller
Sternenhimmel mit Milchstrasse und Sternschnuppen weckte galaktische Energie. Das
Wandern wurde zum Erlebnis für alle Sinne, da Geräusche intensiver wahrgenommen
und Umrisse von Bäumen oder Wurzeln als phantasievolle Kreationen gedeutet
wurden, wie zum Bespiel eine schnaubende Kuh, die mit reflektieren Augen
plötzlich zum fauchender Drachen mutierte.
Die Gruppe
war erstaunlich fit und die Augen passten sich an die absolute Dunkelheit der
Nacht gut an. In kurzen Pausen waren die Espresso- und Schokoladenriegel von
„Rapunzel“ sehr beliebt und auch Gruselgeschichten brachten das Adrenalin in
den Adern in Bewegung. Im hochgelegenen Blaunca begrüsste uns zu nächtlicher
Stunde Dorina Riedi zur grossen Freude aller mit heissem Kaffee und Sandwiches.
Im Kerzenlicht war die Anspannung einzelner Teilnehmer deutlich spürbar und
manch einer versuchte krampfhaft das Herabfallen der Augenlider mittels „Finger-
Daumen-Haltetechnik“ zu verhindern.
Mittlerweile
standen die Uhrzeiger auf Eins. Die Geisterstunde war vorbei und es lag ein
Zauber in der Luft, der neue Energie entzündete. Steten Schrittes ging es bergab
in Richtung Maloja. Die Stimmung war aufbauend und zuversichtlich. Mittlerweile
wanderte die Gruppe 21 Stunden auf einer Strecke von rund 42 Kilometern und
3000 Höhenmetern.
Das sehnsüchtige Erwarten der Morgendämmerung trieb die harmonische Einheit an. „Weiter, weiter, wir müssen weiter“, animierten die Organisatoren Michael Gebert und Anne-Marie Flammersfeld ihr Team. Die allerletzten Reserven wurden mobilisiert und im ersten fahlen Licht des neuen Tages marschierte die Gruppe am Silser See vorbei mit einem Abstecher durch das Val Fedoz, wo die Sonne am fernen Horizont den neuen Tag verkündete. Als die ersten Sonnenstrahlen die Berggipfel erreichte, stand Erleichterung und Verwunderung in den Gesichtern der Wanderer: „Oh, es ist ja schon vorbei! Das ging jetzt aber schnell!“, tönte es aus einigen Reihen. Nach exakt 24 Stunden erreichte die Wandergefolgschaft um 07.15 Uhr das vorgegebene Ziel in Silvaplana – Surlej. Die Tränen standen einigen Teilnehmern in den Augen; sei es vor Freude, eine solange Zeit ohne Schlaf durchgehalten zu haben oder weil die liebgewonnene Gruppe nun wieder trennen musste. 24 Stunden Wandern ohne Schlaf, 63 km Wegstrecke – ein Erlebnis, welches süchtig macht und im nächsten Jahr wiederholt wird. Termine für 2011 unter allmountainfitness.ch und high-experience.de
amf 14.08.2010
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